Andalusien: weisse Pferde, schwarze Stiere

Andalusien: weisse Pferde, schwarze Stiere

Beitragvon admin » 04 Mär 2013, 17:15

Aus der Ferne sehen sie aus wie weisse Farbtupfer, die kleinen Dörfer, die sich an die Berghänge entlang der andalusischen Küste schmiegen. Beim Näherkommen entpuppt sich einer dieser in der Sonne leuchtenden Kleckse südwestlich von Malaga als mein diesjähriges Urlaubsdomizil. Versteckt liegt sie da, umrahmt von Palmen und anderen immergrünen mediterranen Gewächsen - die Rancho La Paz. Mein Blick schweift übers Mittelmeer und unter mir rauscht die Brandung an die Costa del Sol. "Dahinten am Horizont, wo sich das Blau des Meeres mit dem undefinierbaren Grau vermischt, da ist Afrika!", meint eine nette Frauenstimme. Die typisch andalusische Finca ist Treffpunkt für Pferdefreunde aus aller Welt. Und plötzlich bin ich umringt von einer bunt gemischten internationalen Reiterschar. Anfängliche kleine sprachliche Barrieren sind schnell überwunden und nach einer Führung übers Ranchgelände hat jeder das Gefühl schon Tage hier zu sein. Der Anblick der über 200 zur Rancho gehörenden Pferde in ihren Corals verbreitet eine ausgesprochen gute Laune in der Gruppe. Wir freuen uns schon auf die bevorstehenden Tage im Sattel eines stolzen Andalusiers.
Die Stimmung ist unvermindert ausgelassen und fröhlich als wir zum Abend hin ein wohltündes Bad im Swimmingpool geniessen. Ein paar Tapas auf der Terrasse, dazu ein vollmundiger Wein gegen die trockenen Kehlen und als kleine Nachtmusik hören wir dazu das Schnauben der Pferde in ihren Corals - vermischt mit einem unermüdlichen Vogelgezwitscher - was will man mehr!

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Wow - blauer Himmel, Sonne satt und ein laues Lüftchen weht uns um die Nase als wir am anderen Morgen am Strand eintreffen. Ein erster Höhepunkt der Tour steht schon heute an - Strandreiten bis zum Abwinken. "Wer die Spitze überreitet oder den Hut verliert zahlt am Abend die erste Runde", so die energischen Worte unseres Guides. Diese Spielregel ist international und jeden hat es schon mal irgendwie und irgendwo auf einer Reittour erwischt. Beim Putzen und Satteln lernen wir dann auch noch etwas über unsere Pferde und über die in Andalusien übliche Reitweise und dann ist es so weit. Die ausgeruhten Pferde scharren schon ungeduldig im Sand. "Nach der Pflicht nun die Kür", witzelt Peter und fingert an seiner Reitkappe herum, damit sie auch ja optimal sitzt. Endlich im Sattel blicke ich in strahlende Gesichter. Vor uns das Meer und Strand ... Strand ... Stand - so weit das Auge reicht. Wir geniessen still. Dann die ersehnte Aufforderung zum Angaloppieren. "Nur Fliegen ist schöner", juchzt Martina. "Du fliegst doch schon", hört sie fast wie im Chor von ihren Freundinnen neben ihr. Auch den Pferden merkt man den Spass an, sich strecken zu können.
Nach jede Menge Strand, Sand, Sonne, Wasser und Wind führt unser Ritt für mehrere Tage durchs leicht hügelige Hinterland, das von Ackerbau und Viehzucht geprägt ist. Hier werden Andalusiens berühmte Kampfstiere gezüchtet. "Beeindruckende Muskelprotze sind das, denen möchte ich aber nicht im Dunkeln begegnen", meint Christin als wir an den ersten grossen Weiden vorbeireiten.
Ein weiterer herrlicher Reittag neigt sich dem Ende zu als wir ein kleines Dorf erreichen. In der tiefstehenden Sonne wirft unsere Reitergruppe bereits lange Schatten. Am Marktplatz treffen wir auf einen Eselreiter. Der ältere Mann gestikuliert sichtlich aufgeregt, dass wir seinem Esel nicht zu nahe kommen sollen. Vielleicht hat er Angst vor den riesengrossen Schatten unserer Reitergruppe. Gleichzeitig zeigt der Mann, dessen Gesicht von der Sonne gegerbt ist, auf eine Gastwirtschaft auf der anderen Seite des Marktplatzes. Unser Guide löst das Rätsel: "er meint die Venta dort. In Andalusien geht, fährt oder reitet man an einer Venta nicht vorbei. Für ein Getränk, einen Sherry, ein paar Oliven oder Tapas in Gesellschaft der gastfreundlichen Andalusier reicht die Zeit immer". Gesagt - getan, während unsere Pferde derweil in der Abendsonne dösen.
Am nächsten Morgen verlegen wir unser Quartier in die Berge. Die südlichste Region Europas ist abseits der Touristenstrände landschaftlich ungemein reizvoll. Das andere Andalusien ist wildromantisch und schön, was nicht zu übersehen ist als der Van, voll beladen mit erwartungsvollen Reitern, sich Serpentine für Serpentine nach oben schraubt. "Das verspricht interessant zu werden, aber werden die Pferde das schaffen", fragt Kalin besorgt. Die Tage zuvor hatten wir schon die Trittsicherheit unserer andalusischen Pferde bewundert. Kalin's Zweifel lösen sich bald in Wohlgefallen auf. Der erste Teil unserer Etappe führt uns durch eine wildromantische Schlucht. Unter uns tobt ein Fluß, der sich über Jahrtausende seinen Weg durch den Canyon gebahnt hat. Ich fühle mich auf dem Rücken meines Andalusiers gut aufgehoben. Traumwandlerisch sicher geht - nein klettert - er unermüdlich. Selbst Christin, die mir zuvor noch gestanden hatte, dass sie nicht ganz schwindelfrei ist, bleibt cool.
Mehrere Tage durchstreifen wir die Naturparks Aljibe und Los Alcornocales auf Jahrhunderte alten schmalen Eselspfaden. Durch riesige Korkeichenwälder geht es bergauf und bergab. Wir lassen die Seele baumeln und fühlen uns einfach nur wohl in unseren bequemen spanischen Sätteln. Ab und zu wird eine zufällige Begebenheit zum Gesprächsthema. Ein aufgeschrecktes Tier läuft davon oder eine besonders schöne Aussicht löst Begeisterungsjuchzer aus. Dann ist es wieder ganz still und wir geniessen einfach nur Natur pur um uns herum.
Es kam wie es kommen muss: unser Reiturlaub nähert sich dem Ende. Wir haben uns in südliche Richtung wieder auf das Meer zu bewegt und stehen plötzlich am Rande eines Hochplateaus. Am Horizont können wir die Atlantikküste erkennen. Die zum Meer hin immer sanfter werdende offene Hügellandschaft lädt zum Galoppieren ein. Mal geht es durch eine lockere Ansammlung wilder Olivenbäume, mal über sandige Ebenen. Gegen Mittag erreichen wir eines der Dörfer und binden unsere Pferde unter den Bäumen vor der Wallfahrtskirche Nuestra Senora de los Santos an. Im Innenhof plätschert ein Brunnen. Die Galerie im typisch maurischen Stil spendet etwas Schatten. Das andalusische Pferd ist auch hier gegenwärtig. Auf einer Wandmalerei am Eingang zur Kirche ist der Drachentöter San Jorge auf einem Pferd abgebildet, das sehr starke Ähnlichkeit mit alten Stichen hat, die den Andalusier mit seinem typischen Exterieur zeigen.
Auf dem Weg zur Küste beschert uns Christin kurzfristig noch eine Runde für den letzten Abend. In sportlicher Manier versucht sie zwar ihre Kappe vom Sattel aus aufzuheben, fällt aber im letzten Moment der Erdanziehung zum Opfer. Wir erreichen den Strand am frühen Nachmittag, unser Guide gibt das ersehnte Zeichen. Das gestreckte Pferd unter sich, nähern wir uns einem der Schwerelosigkeit ähnlichen Gefühl. Es ist das Revival der Vorwoche nur in entgegengesetzter Himmelsrichtung. Diesmal haben wir die Wolken, auf denen wir meinen zu schweben, rechts von uns. Auf halber Strecke wartet der Ranch-Van mit einem Picknick auf uns. Ein letztes mal das Zeitlose eines Urlaubs geniessend sitzen wir am Strand und schauen aufs Meer. Die Gedanken vermischen sich schon mit der unerwünschten Vorstellung, Abschied nehmen zu müssen. Auf ausgeruhten Pferden starten wir zu einem letzten Galopp, der es in sich hat.
Der heisse Spätnachmittag und die salzige Luft liefern anschliessend das Alibi für unsere Verzögerungstaktik, damit dieser Tag ja nicht zu Ende gehen möge. Es waren auf unserer Schlussetappe ins Hinterland noch einige Ventas im Weg, die wir bei der Dezimierung ihres Getränkevorrats unterstützt haben. Es half nichts, der Tag ging doch zu Ende. Am Abend wollten wir die Sonne aber nicht alleine untergehen lassen. Ein letztes Bad im Meer und ein letzter Versuch, mit einer kleinen Abschiedsfeier und besinnlichen Momenten am Strand das endgültige Urlaubsende zu verdrängen.
Auf der Fahrt zum Flughafen blinken sie noch einmal in der Sonne - die kleinen weissen Dörfer an den Berghängen der andalusischen Küste. Ich werde sie vermissen ... Adiós - Andalucía!

Gaby Räcke
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