Reiterreise auf Alcainca

Reiterreise auf Alcainca

Beitragvon admin » 05 Mär 2018, 13:14

Wie auch schon in den letzten Jahren ergriff ich die Flucht vor dem Kölner Karneval und vor dem deutschen Winter und wollte mich im sonnigen Portugal mal so richtig schön aufwärmen. Doch das ging gründlich daneben. Bei Temperaturen von 6°C bis 8°C war genau wie hier immer die dicke Jacke angesagt...

Das war aber auch der einzige echte Minuspunkt dieses ansonsten wundervollen Urlaubs. Als ich gegen Mittag mit dem Mietwagen vom nahe gelegenen Flughafen Lissabon (ca. 35 km) angefahren kam, wurde ich gleich sehr freundlich von Mariann, einer Schweizerin, begrüßt und auf mein Zimmer gebracht. Sie führte mich anschließend überall herum, und dabei wurde ich gleich von einem der Reitlehrer angesprochen, der mir mitteilte, dass ich um drei Uhr meine erste Reitstunde hätte.

Ich bin nicht mehr die Jüngste und zudem eine sehr ängstliche Reiterin. Daher sagte ich gleich, dass ich keinerlei Herausforderung suche, sondern gemütliche ruhige Reitstunden auf einem lieben Pferd genießenn möchte. Deshalb war ich nicht überrascht, dass ich einen 20j Schimmelwallach für meinen Einzelunterricht zugeteilt bekam.
Da ich Schulpferde aus deutschen Reitschulen zur Genüge kenne, stellte ich mich darauf ein, dass dieser Pferdeopa gemütlich durch den Sand schlufen und vermutlich kaum vorwärts zu bringen sein würde. Doch weit gefehlt! Ich hatte absolut nicht das Gefühl, es mit einem alten Pferd zu tun zu haben, nein, er schien ein Pferd in den besten Jahren zu sein, fein, geschmeidig, motiviert, bis in die höchsten Klassen ausgebildet und bemüht, seiner Reiterin jeden Wunsch von den Augen abzulesen! Ich konnte es überhaupt nicht fassen; so ein Pferd zu reiten ist ein Traum!!! Ich schwebte auf Wolke Sieben...

Über das Reiten in Alcainca gibt es nur Positives zu berichten: Ich behielt meinen Schimmel die ganze Woche über. Da man aber zwei Reitstunden pro Tag hat, bekam ich noch ein zweites Pferd: seinen Halbbruder, ebenfalls 20 Jahre, ebenfalls Schimmel, und die beiden hatten auch noch fast den gleichen Namen: Rufia und Rufiao. Trotz aller Ähnlichkeiten und gleicher positiver Reiteigenschaften waren die beiden doch charakterlich ausgesprochen verschieden. Der, den ich als erstes geritten hatte, war mein absoluter Liebling, und sehr schnell arbeiteten wir uns zu den höchsten Lektionen vor: fliegende Wechsel, alle Seitengänge in allen Gangarten und Piaffe, die er besonders liebte. Und das alles butterweich, mit angenehmem Vorwärtsdrang und ganz feiner Reaktion auf die Hilfen, einfach unglaublich...Der Halbbruder beherrschte ebenfalls sämtliche Lektionen, doch seine Spezialität war die Passage, und er zeigte auch sehr gern den Spanischen Schritt.

Für mich waren diese beiden Pferde absolut ideal, und da ich immer Probleme habe, mich auf ein neues Pferd einzustellen, war ich mit den Beiden wunschlos glücklich.

Andere Reitgäste wollten das anders. In der Reitschule Alcainca gibt es viele Schulpferde, aber meist ganz bewusst nur wenige Reitgäste. Als ich kam, waren zwei da, die aber nach ein paar Tagen abreisten, eine Neue kam, dann kamen noch zwei Neue am Tag vor meiner Abreise, so dass wir in meiner Woche stets zwischen zwei und vier Reiterinnen waren. Ich hatte immer Einzelunterricht, eine andere Frau auch, die beiden Frauen, die schon da waren und später auch die beiden Neuen vor meiner Abreise, die ritten immer zu Zweit. Und einige von ihnen wollten gern für jede Reitstunde ein anderes Pferd. Soweit eben möglich, wurde allen Wünschen entsprochen.

Es gab drei Reitlehrer dort, die sehr unterschiedlich waren und damit auch das ganze Spektrum abdeckten, das ein Reitgast sich nur wünschen konnte. Erst war ich bei Renato, einem jungen Mann, aber wir beide konnten einfach nichts miteinander anfangen, unsere (Reit)Welten waren zu verschieden. George, der Chefbereiter dort, bemerkte das sehr schnell und übernahm meinen Unterricht, und das war eine Wohltat für mich. Ihm konnte ich mich bedenkenlos anvertrauen. George ist ein ganz feiner und besonnener Mann, und er sah sofort, wo es bei mir haperte und holte mich genau da ab, wo ich stand und führte mich mit seinem Unterricht zu wunderbaren Momenten. Er legte viel Wert auf Sitz, Einwirkung und Harmonie.

Das soll keine Aussage gegen Renato sein. Die junge Frau, die ein paar Tage nach mit kam und auch immer Einzelstunde hatte, harmonierte hervorragend mit Renato. Sie war sehr zupackend, bevorzugte temperamentvolle Pferde und wollte gern ein bisschen Action - das exakte Gegenteil von mir. Sie und Renato waren ein Superteam im Unterricht, aber diese Frau war, wie gesagt, eben das genaue Gegenteil von mir.

Der Dritte im Bunde der Reitlehrer war Paulo, ein ziemlich handfester und etwas burschikoser Typ, der mir anfangs nicht so sympathisch war. Aber mit ihm hatte ich meine Sternstunden, denn er war der große Lektionenfan. Besonders witzig war seine Sprache. Er ist Portugiese, spricht aber gut Englisch (wie alle dort) und Französisch. Offiziell spricht er kein Deutsch. Aber im Laufe seiner Stunden mit mir kam immer mehr Deutsch zum Vorschein, und wäre ich noch länger geblieben, hätte er glatt den ganzen Unterricht auf Deutsch gegeben, glaube ich. Standardkommandos waren: "Mittellinie and Schenkleweich to the Links!", "Next long side Kruppeherein!" "Release the links Zügel, rechts Zügel to the neck!" Wir hatten jedenfalls keinerlei Probleme mit der Verständigung, und sein Unterricht war genau wie der von George für mich ganz genau richtig.

Ich habe mich immer wieder gefragt, wie es möglich ist, dass die Schulpferde dort bis ins hohe Alter so motiviert und kooperativ mitarbeiten, und meine Beobachtungen während der Woche haben mir zumindest teilweise eine Antwort darauf gegeben. Denn oft wurden die Pferde vor dem Unterricht von den Reitlehrern longiert oder/und geritten. Zuerst dachte ich: das arme Pferd, es muss jetzt eine Stunde Unterricht gehen und wird jetzt sogar auch vorher noch gearbeitet. Aber im Laufe der Zeit ging mir auf, dass es sich hier ganz offenbar um ein Korrigieren der Pferde handelte. Alle Pferde waren bestens in Schuss, aber hier wurden ganz offenbar minimale Abweichungen sofort wieder 100% ins Lot gebracht, damit das wunderbar leichte Reitgefühl für Pferd und Reiter auch blieb. Man ließ gar nicht erst Unstimmigkeiten aufkommen; das machte es für die Pferde leichter, ihren Job zu tun, und selbstverständlich profitieren auch die Reitgäste davon. Ein ausgezeichnetes System, von dem alle deutschen Reitschulen, die ich kenne, nur träumen können!

Alles in der Reitschule Alcainca war absolut unkompliziert. So z.B. auch ein Zimmerwechsel. Ich hatte zuerst ein Zimmer mit nur einer winzigen Dusche. Und da es so kalt war, hätte ich so gern eine Badewanne gehabt....Als zwei Tage später eine Frau abreiste, deren Zimmer eine Badewanne hatte, konnte ich schon wenige Stunden nach ihrer Abreise in ihr Zimmer umziehen und fortan die Annehmlichkeiten eines heißen Wannenbades genießen.
Und noch eins, was ich als großen Pluspunkt empfand: ich hatte die Buchung meines Reitpaketes so verstanden, dass es sich um 10 Reitstunden handele, die auf die Woche zu verteilen seien. Deshalb hatte ich mir vor Ort schon überlegt, noch drei Stunden nachzubuchen, damit ich diesen hervorragenden Unterricht auch wirklich bis zu meiner Abreise zweimal am Tag genießen könnte. Als ich Mariann (die Schweizerin, die die Touristenorganisation dort macht) darauf ansprach, meinte sie ganz verständnislos: "Aber du hast doch das Intensivprogramm gebucht, das heißt ganz einfach: jeden Tag zwei Stunden Reiten. Und die Stunde am Anreisetag zählen wir sowieso eigentlich gar nicht mit." Auf diese Weise hatte ich 13 Reitstunden, die auch tatsächlich alle ca. 60 Minuten dauerten.

Die Lusitanos dort sind traumhaft zu reiten, und ich bewundere die Menschen in dieser Reitschule, die es schaffen, die Pferde so gut auszubilden und sie trotz der wechselnden Touristen so fein und motiviert zu erhalten, dass es eine wahre Freude ist. Das ist wirklich eine bewundernswerte Leistung, die höchste Anerkennung verdient!
Benutzeravatar
admin
Site Admin
 
Beiträge: 121
Registriert: 20 Feb 2013, 13:58

Zurück zu Ihre Reiseberichte

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast