Kolumbien Haciendas-Trail, Juni 2017

Kolumbien Haciendas-Trail, Juni 2017

Beitragvon admin » 30 Aug 2017, 12:51

Langsam beginnt es zu dämmern, erste Sonnenstrahlen kämpfen sich durch das üppige Geäst der Bäume, erwärmen die Erde und lassen die Kälte und Feuchtigkeit der Nacht nebelartig empor steigen. Dunkle Umrisse gigantischer Bäume und sanfter Hügel zeichnen sich am Horizont ab. Bild Es ist mittlerweile 6 Uhr morgens, die Strassen waren (noch) leer gefegt als wir die riesige Metropole Bogotá verliessen und nun schliesslich Ubaté erreicht haben. Hier befindet sich die Hacienda unserer Gastgeber und Ausgangspunkt unseres Reitabenteuers für die nächsten Tage. Unsere internationale Gruppe besteht aus Teilnehmern von England, Belgien, Deutschland und den USA. Gemeinsam werden wir den Haciendas-Trail kennenlernen.
Unser Gastgeber Bernado zeigt uns die Hacienda. Die Zufahrt entlag eines kleinen von Bäumen gesäumten Weges machte schon einmal einen idyllischen Eindruck. Die Hacienda ist in Familienbesitz von Germáns, Bernados Geschäftspartner, Familie. Bild Das Haus ist über 300 Jahre alt und hat seinen historischen Charme nicht verloren. Typisch für die spanische Kolonialzeit befindet sich in der Mitte des Gebäudes ein grosser Patio (Innenhof). Dieser ist reichlich mit Pflanzen und Blumen verschönert und bietet viele Sitzmöglichkeiten, die zum Verweilen einladen. Hier kann man den kolonialen Flair herrlich geniessen und sich so etwas in die alten Zeiten vergangener Jahrhunderte zurück versetzen wie sie zum Beispiel in einer der historischen Erzählungen von Gabriel Garcia Márquez, dem weltberühmten kolumbianischen Literaturnobelpreisträger, beschrieben werden.
Vom Patio aus gelangt man in die zehn Gästezimmer. Die Hacienda wird heute nur noch als Ferienhaus für die Familie oder andere Gäste genutzt. Jedes Zimmer ist etwas anders geschnitten und unterschiedlich gross. Alle sind herrlich „altmodisch“ (im positiven Sinne) eingerichtet mit antiken Möbeln und Kronleuchtern. An den Wänden hängen alte Fotografien der Familie aus den letzten Jahrzehnten. Zusätzlich gibt es noch ein herrliches Kaminzimmer für die kalten Tage, ein altes Bürozimmer mit altertümlichen Geräten, ja sogar eine kleine Kapelle gibt es. Im Esszimmer befindet sich ein riesiger Tisch und in der Küche werden über einem alten Holzofen die leckersten Gerichte gezaubert. Ganz früher war die Hacienda eine „Chicharia“, in der Chicha hergestellt wurde. Chicha ist eine Art südamerikanischer Most oder vergorener Saft, auch bekannt als „Bier“ der Inkas oder Anden, der ja nach Land oder Region aus unterschiedlichen Obst- und Pflanzensorten gewonnen wird.
Auch eine Stallung gehörte damals natürlich zum Anwesen. Heute ist dieser Teil zu einem Gästezimmer ausgebaut. Nur die alten Sättel an der Wand zeugen noch aus dieser Zeit. Heute sind die neue Stallungen ca. 5 Min. zu Fuss von der Hacienda entfernt.
Nach einem köstlichen Kaffee und etwas Zeit zum Ausruhen nach dem langen Flug treffen wir uns um gemeinsam zum Stall zu laufen. Nach einem kurzen Spaziergang, sehen wir am Fusse eines Berges schon die Koppeln und die neuen Stallungen. Die Pferde sind in der Regel ganzjährig draussen, daher werden die Boxen kaum genutzt. Es gibt noch einen grossen Aufenthaltsraum, der viel Platz bietet und eine ebenfalls grosse und äußerst ordentliche Sattelkammer, in der viele unterschiedliche Satteltypen zu sehen sind, vom klassischen englischen Sattel, über Western- und McClellansätteln, hin zu Damensätteln und natürlich den typischen südamerikanischen Sätteln mit Schaffellüberzug. Unsere Pferde werden schon von den Wranglers für uns vorbereitet. Es gibt insgesamt ca. 40 Pferde, fast alles Kreuzungen aus Criollos, Arabern und/oder Quarter Horses. Ebenso reihen sich ein paar Mulis in die Herde ein. Für die Ritte werden in der Regel McClellanähnliche Sättel verwendet, dazu ein Kandarenzaum wie beim Westernreiten. Jedes Pferd hat Satteltaschen und auch Regenponcho werden gestellt. Sehr praktisch! Kolumbien liegt in der tropischen Klimazone und dort kann es bekanntlich ganzjährig regnen. Mittlerweile sind die Temperaturen auch angenehm sommerlich, nachdem es morgens doch noch recht frisch war. Sonnenschutz ist unerlässlich, schliesslich befinden wir uns nicht weit vom Äquator entfernt und auch die Höhenlage – wir sind auf ca. 2.600m über dem Meeresspiegel – ist nicht zu unterschätzen. Kolumbien gliedert sich in unterschiedliche Naturräume. Die Küste ist bekannt für seine herrlichen Strände und afrokaribischen Einflüsse, im dünnbesiedelten Osten erstrecken weite Feuchtsavannen und dichter Regenwald, die vom Amazonas und Orinoco gespeist werden. Im Westen des Landes dominieren die Anden, die längste Gebirgskette der Welt. In Kolumbien verläuft sie in drei unterschiedlichen Bergketten, der westlichen, der zentralen und der östlichen Kordillere. Wir befinden uns im östlichen Arm in der Provinz Cundinamarca und werden die nächsten Tage bis in die benachbarte Provinz Santander gelangen.
Auf dem überdachten Reitplatz drehen wir ein paar kleine Testrunden mit unseren Pferde, bis alle ihre Steigbügel und Sachen gerichtet haben. Dann geht es los! Gemütlich entfernen wir uns vom Stall, passieren dabei das stalleigene Lama, das gemütlich im Liegen grast und nähern uns den umliegenden Hügeln, die wir erklimmen werden. Wir durchreiten herrliche Wälder mit Kiefern und riesigen duftenden Eukalyptusbäumen, hier und da kommen wir an einem Kaktus vorbei und immer wieder haben wir tolle Ausblicke auf das Bergpanorama. Bild Mein fleissiger Criollo-Araber-Mix ist fortwärtsgehend und trägt mich sicher über jedes Terrain, das uns auf der Strecke begegnet. Glücklich und zufrieden kehren wir nach einem sehr schönen ersten Ritt zum Stall zurück. Auf der Hacienda erwartet uns schon das Mittagessen unter einer Pergola. Es gibt ein Barbecue – auf Spanisch „Asado“ – vom Allerfeinsten, das sich sehen lassen kann! Wir fragen uns, für wen ausser uns die riesigen Fleischberge noch gedacht sind? Wir geben unser bestes nichts übrig zu lassen, aber die Mission ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir geniessen leckeres Rindfleisch, Hähnchenschenkel, Bratwürste, zwei unterschiedliche Sorten von Kartoffeln und dazu eine vorzügliche Avocadocreme und einen ebenso hervorragenden frischen Mangosaft. Sämtliche tropischen Früchte, die es bei uns im Supermarkt teuer zu kaufen gibt, wachsen hier einfach in Hülle und Fülle an den Bäumen. Im Patio steht immer ein gefüllter Obstkorb, an dem man sich bedienen kann. Von einigen der Früchte, die ich probiere, habe ich vorher noch nie gehört.... Bild
Am Nachmittag wartet ein kleines Highlight auf uns. Wir besuchen die Nachbarfarm, auf der Paso Finos gezüchtet und trainiert werden. Diese Gangpferderasse hat ihren Ursprung unter anderem in Kolumbien und die Kolumbianer sind wirklich verrückt nach ihrem Paso Fino! Die Rasse ist benannt nach ihrer Gangart (zu deutsch etwas „feiner Gang“), bei der es sich um eine töltartige Gangart handelt. Im ganzen Land werden Wettkämpfe veranstaltet, bei der Reiter und Pferd auf einem Holzboden auf der Stelle marschieren müssen, während sie von dem Publikum angefeuert werden. Das Pferd mit dem schnellsten und reinsten Takt gewinnt. Auch im Ausland (z.B. Costa Rica, Puerto Rico, USA....) erfreut sich der Paso Fino grosser Beliebtheit. Wir dürfen einem der Mitarbeiter beim Training zusehen, was wirklich sehr interessant ist. Es gibt unterschiedliche Typen bei der Rasse: den „normalen“ Paso Fino/Tölter, den Trochador (Trocha = Trabtölt) und den „Trote y Galope“ (Trab & Galopp). Ebenso wird bei den Wettkämpfen in Altersklassen der Pferde unterschieden. Bild
Nachdem uns ein paar Pferde vorgeführt wurden, haben wir die Ehre selbst eines der edlen Pferde zu reiten. Ein wahres Reiterlebnis! Nähmaschinenartig rattert das Pferd über den Holzboden, während man selbst kaum eine Bewegung spürt.
Am Abend wartet wieder ein leckeres Mahl aus uns. Es gibt Ajiaco, ein typisch kolumbianisches Gericht. Es handelt sich dabei um eine Art Suppe oder Eintopf mit Hühnerfleisch, Kartoffeln, Mais, Kapern, Avocado und einem Schuss Sahne. Nun lernen wir auch unseren anderen Gastgeber Germán kennen, der uns fortan begleiten soll. Zusammen mit Bernado bietet er seit ein paar Jahren den Haciendas-Trail und zeigt seinen Gästen Kolumbien vom Pferderücken aus. Bernado war bis vor wenigen Jahren noch als Anwalt tätig, aber hat irgendwann gekündigt um sich voll und ganz seiner Leidenschaft Pferde & Reiten zu widmen. Nach dem Nachtisch dreht die Flasche Aguardiente („Feuerwasser“) noch eine Runde, ehe wir alle müde unsere Zimmer aufsuchen.
Am nächsten Morgen geht es weiter mit unserem Reitabenteuer. Zunächst geht es über einige Hügel in ein Dorf, wo wir an einem kleinen Laden halt machen und ein paar erfrischende Getränke zu uns nehmen. Danach führt die Strecke weiter fort über die Hügel und durch einige Wälder. Für besonderes Entzücken sorgt immer wieder das Muli, welches Germán reitet. Er ist grosser Fan der Mulis, da diese trotz ihrer meist geringeren Grösse sehr ausdauernd sind und mehr Gewicht tragen können als viele Pferde und dabei noch fleissig vorwärts marschieren. Davon kann ich mich auch selbst überzeugen, als mir Germán das Muli überlässt und ich mich in einem unterhaltsamen Galopp von seinen Qualitäten überzeugen kann. Wir können trotz der kürzeren Beine locker mit der Spitze der Gruppe mithalten. Bild
Landschaftlich bekommen wir auf dieser Reittour sehr viel geboten – von den bereits erwähnten Wäldern, über weite grünen Ebenen, steilen Bergpassagen bis hin zu einem wüstenähnlichen Felsterrain. Oft reiten wir durch kleine Dörfer oder machen Halt an historischen Haciendas, wo wir von den Gastgebern herzlich willkommen geheissen und verköstigt werden.
Auch alle Unterkünfte sind äusserst charmant und jede hat ihren eigenen Still und Besonderheit. Oft sind es alte historische Haciendas, die liebevoll restauriert und eingerichtet sind, aber auch eine Art Öko-Lodge in den Bergen mit kleinen unterschiedlichen Cabins für die Gäste war dabei und auch ein modernes Hotel im Kloster Monasterio de la Candelaria, das älteste Augustinerkloster Amerikas.
Letzte Etappe unseres Rittes ist der Ort Villa de Leyva. Er gilt mit seinen steingepflasterten Strassen und weissen Fassaden als der schönste Kolonialort des Landes. Sein riesiger Hauptplatz im Ortszentrum ist einer der grössten Lateinamerikas und diente schonen einigen Hollywoodfilmen als Kulisse (z.B. Zorro). [imghttps://scontent-amt2-1.xx.fbcdn.net/v/t31.0-8/19780530_1726268534079767_7855172597340423154_o.jpg?oh=7f94092c70e7f6c10b3bb2a366a411b1&oe=5A192F7F[/img]
Es ist toll, dass man neben der Natur und der Landschaft auch so viel über die Kultur und die interessante Geschichte Kolumbiens kennenlernt.
Leider vergeht die Zeit viel zu schnell und es heisst Abschied nehmen von unseren sympathischen Guides und liebgewonnen Pferden. Zum Glück muss ich noch nicht die Heimreise antreten, sondern darf noch länger in Kolumbien verweilen und ein weiteres Reitabenteuer in Angriff nehmen. Doch dazu mehr später....

Denise Neufeld, Juni 2017

Alle Infos zum Kolumbien Haciendas-Trail unter:
http://www.reiterreisen.com/pegasus/d/reisen/amerika/sued_am/colombia/col008.htm

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