Abenteuerritt auf den Spuren der Bären

Abenteuerritt auf den Spuren der Bären

Beitragvon admin » 07 Sep 2016, 15:35

Ein Reisebericht aus Rumänien

Groß und rund erscheint der gelbe Mond am Horizont. Das weiße Mondlicht erstrahlt über die Erde und nur schwache Umrandungen und Schatten vermitteln ein vages Bild der Umgebung, in der ich mich befinde. Steine schlagen von unten an den Geländewagen, während er sich die Serpentinen auf unwegsamen Wegen hochkämpft. Nach drei Stunden Fahrt vom Flughafen in Cluj bin ich nun fast am Ziel, dem Ausgangspunkt für meinen Abenteuerritt durch Rumänien!
Die holperige Fahrt endet, soweit ich das in der Finsternis erkennen kann, ganz oben auf dem Rücken der Bergkette. Hier werde ich von Gastgeber Csaba und seinen neugierigen Hunden empfangen. Csabas Partnerin Kinga habe ich schon auf der Fahrt kennengelernt, sie hat mich unten im Tal mit dem Geländewagen abgeholt. Eine Weiterfahrt mit dem normalen PKW des Flughafenshuttles ohne Allradantrieb wäre undenkbar gewesen.
Die abenteuerliche Anfahrt hat es bereits angedeutet - auch wenn ich mich nur wenige Kilometer entfernt von der Stadt Gheorgheni befinde, bin ich in einer ganz anderen Welt. Hier gibt es keinen Strom und auch das Handy zeigt null Balken Empfang an.
Csaba und Kinga zeigen mir ihr Zuhause, ein altes Bauernhaus, das das erste Quartier unserer Reittour ist. Ich bin die letzte Teilnehmerin. Alle anderen sind bereits angereist und schlafen schon. Nach einem köstlichen Abendessen im Kerzenschein und einem ersten netten Gespräch mit meinen Gastgebern suche auch ich recht schnell – mit Hilfe meiner Stirnlampe - das Bett auf, um gut erholt für den nächsten Tag zu sein.
Am nächsten Morgen lerne ich dann auch meine Mitreiter kennen: eine recht buntgemischte Truppe bestehend aus einer Familie, einem Ehepaar, Freundinnen sowie ein paar Einzelreisenden. Die meisten sind aus Deutschland, die anderen aus Polen und Ungarn. Alle machen einen sympathischen Eindruck und sind mit der nötigen Abenteuerlust ausgestattet, die man für diese Reise benötigt. Die kommende Woche werden wir gemeinsam durch das Szeklerland im Osten von Siebenbürgen reiten. Dieser Teil Rumäniens ist nach der ungarischen Volksgruppe benannt, die dort angesiedelt ist, den Szeklern. Zu meiner
Überraschung sind auch tatsächlich fast alle Menschen in dieser Region ungarischsprachig. So auch Csaba, der zusätzlich auch sehr gut Deutsch spricht.
Jetzt bei Tageslicht sehe ich nun auch endlich das prachtvolle Panorama, das sich um uns herum erstreckt. Es wundert kaum, dass sich Csaba und Kinga diesen Ort zum Leben ausgesucht haben. Ein herrliches Bergidyll breitet sich vor dem Bauernhaus aus. Tiefgrüne Fichtenwälder wohin das Auge reicht und kein anderes menschliches Lebenszeichen in Sicht!
Das 100 Jahre alte Bauernhaus haben Csaba und Kinga vor einigen Jahren gekauft, abgebaut und original wieder hier aufgebaut. Seitdem leben sie hier oben ganzjährig in Bergen, sogar im schneereichen Winter! Auch ihre Pferde leben hier ganzjährig draußen. Es gibt zwar einen Offenstall, aber den benutzen sie höchstens als Schattenspender bei heißem Wetter. Momentan leben hier 18 Pferde, darunter auch ein paar Jungtiere. Ebenso wie unsere Reittruppe ist auch die Herde bunt gemischt. Größtenteils sind es Warmblüter, teilweise mit Araber- und Lipizzaneranteil. So gut wie jedes Stockmaß ist zu finden, so dass für jeden Reiter etwas passendes dabei sein sollte.
Nach einem wirklich mehr als reichlichen und schmackhaften Frühstück mit viel Gemüse, Wurst, lokalem Käse, selbstgemachtem Brot und Marmeladen, frischer Milch vom „Nachbarn“ und anderen Köstlichkeiten verbringen wir den Vormittag damit unser nötigstes Gepäck in den Satteltaschen zu verstauen. Zugriff zu unseren Koffern haben wir nämlich erst wieder nach 2 Tagen, wenn wir wieder auf das Begleitfahrzeug treffen.
Dann lernen wir unsere Pferde kennen. Mir wird der Schimmelwallach „Stefan“ zugewiesen. Wir bekommen eine Einweisung wie wir die Satteldecken, die Militärsättel und die Satteltaschen anzubringen haben und bereiten unsere Pferde vor. Auch das Packpferd muss noch mithilfe mehrerer Person abmarschbereit gemacht werden. Es trägt unsere Zelte, die Isomatten, Lebensmittel, die Kessel zum Kochen und einige andere Gegenstände, die wir im benötigen werden, denn die kommenden zwei Nächte werden wir campieren.
Gegen Mittag brechen wir dann auf. Unser erster Reittag führt uns weg vom Hof durch die umliegenden Wälder, die immer mal wieder von Lichtungen und Ebenen unterbrochen werden. Einen ersten kurzen Halt machen wir an einer kleinen Quelle. Hier entspringt der Fluss Olt. Es ist schwer vorstellbar, dass aus diesem kleinen Rinnsal der zweigrößte Fluss Rumäniens wird, der schlussendlich in die Donau mündet. Weiter geht es bergauf und bergab bei strahlendem Sonnenschein. Unterwegs machen wir auf einer Anhöhe eine kleine Mittagsrast. Die Brote hierfür haben wir uns morgens beim Frühstück geschmiert.
Am frühen Abend erreichen wir dann am Rande des Waldes eine freie Bergkuppe mit traumhaften Blick auf das weite Tal und die Berge des Harghitagebirges am Horizont. Hier richten wir unser Zeltlager auf. Schnell hat jeder eine Aufgabe gefunden, sodass in kurzer Zeit alle Zelte stehen, die Pferde getränkt sind und die Kartoffeln für das Abendessen geschält sind. Über dem Lagerfeuer zaubert uns Csaba ein köstliches Kesselgericht, das sogar aus zwei Gängen besteht. Auch für die Vegetarier in der Gruppe gibt es eine leckere Alternative. Nach einigen geselligen Lagerfeuergeschichten verschwinden wir alle nach und nach in unseren Zelten.
„Kaffee ist fertig!“ ertönt es am Morgen über die Wiese. Nach und nach sind die Reißverschlüsse der Zelte zu hören. Blauer Himmel und Sonnenschein machen das Aufstehen leichter und der Hunger treibt sowieso alle nach draußen. Das Feuer brennt noch vom Abend. Nachts wurde immer wieder Holz nachgelegt, weil in dieser Gegend Bären leben. Zum Glück hat sich keiner von ihnen im Lager blicken lassen. Während wir unser Rührei mit frischen Pfifferlingen und hausgemachtem Ricotta genießen, trudeln auch langsam die Pferde ein, die die Nacht immer frei laufend verbringen. Ein Glöckchen um den Hals hilft sie zu finden, aber weit weg bewegen sie sich ohnehin nicht, wohlweislich, dass morgens eine Portion Kraftfutter auf sie wartet.
Bei bestem Reitwetter brechen wir zu unserem zweiten Reittag auf. Es geht vorwiegend bergab, zunächst über weite Wiesen und Almen, vorbei an einem kleinen Dorf und immer wieder Waldabschnitte. Am Horizont hat es sich bereits angekündigt: dunkle Wolken türmen sich auf, die durch Blitze aufleuchten. Während unsere Mittagsrast erwischt uns dann der Regen. In Regenmontur geht es weiter durch den nun düsteren Wald. Kurz vor unserem neuen Lagerplatz platzt es dann sturmflutartig runter. Im Starkregen satteln wir die Pferde ab und errichten das Camp. Immerhin wird der Regen im Laufe des Abends etwas schwächer, aber die Prognose für den nächsten Tag lautet nicht sehr positiv. Zum Glück ist Kinga mit dem Begleitfahrzeug da und wir können uns aus unseren Koffern mit ein paar frischen, trockenen Kleidungsstücken versorgen.
Der nächste Reittag wird dann tatsächlich so verregnet wie befürchtet. Schweigsam trotten wir durch die nebelverhangen dichten Wälder. Die Stimmung ist bei allen ein wenig gedrückt, aber wir fügen uns tapfer unserem Schicksal. Auch das gehört eben zu einem Abenteuerritt in den Bergen! Gegen Nachmittag wird es dann viel besser und mit zunehmender Sonneneinwirkung steigt auch wieder die Laune. Im Trockenen erreichen wir unsere heutige Unterkunft, eine nette, neuerrichtete Pension in einem kleinen Dorf. Die heiße Dusche tut uns allen gut und das bequeme Bett macht den Regen schnell vergessen!
Am nächsten Morgen werden die Satteltaschen noch etwas umgepackt, da wir nicht mehr zelten werden, benötigen wir die Schlafsäcke und das Campequipment nun nicht mehr.
Am Vormittag reiten wir über tolle, weite Ebenen mit herrlichen Graswegen die einige Trabs und auch Galopp ermöglichen. Wir sehen immer wieder Schäfer mit ihren Schaf- oder Kuhherden, Bauern bei der Heuernte oder Holzkohleproduktion oder Pilzesammler, die im Wald ein wahres Eldorado an Steinpilzen, Pfifferlingen und anderen Sorten vorfinden. Des Öfteren werden wir auch neugierig von halbwild lebenden Pferdeherden beäugt, die wir antreffen. Einen kurzen Schockmoment haben wir, als unser freches Packpferd (mit unseren Klamotten für die nächsten Tagen beladen) versucht in einem breiten Bach ein erfrischendes Bad zu genießen. Wir konnten nur knapp verhindern, dass es sich hinlegt. Auch heute übernachten wir wieder in einer kleinen Pension, die erst vor kurzem gebaut. Wir sind abermals überrascht über den Komfort der Pensionen. Wir hatten wesentlich einfachere Unterkünfte erwartet.
Langsam geht es nun wieder in Richtung Heimat.
Heute bekommen wir dann auch endlich mal Bärenspuren zu sehen! Im Matsch entdecken wir frische Tatzenabdrücke und auch frischer Bärenkot liegt auf dem Weg. Zu dieser Jahreszeit lieben die Bären laut Csaba wohl die Himbeeren, die überall wild wachsen. Auch wir bedienen uns vom Pferd aus immer wieder an den Büschen. Die letzte Übernachtung auswärts findet in einem ehemaligen Reithof statt, der nun eine Pension ist. Wie überall werden wir mit einem Schnaps empfangen und frischem Tee und Kaffee. Ein besonderes Highlight gibt es beim Abendessen. Als Nachtisch werden uns Unmengen hausgemachte Krapfen kredenzt, die so köstlich sind, dass wir sie einfach nicht liegenlassen können.
Der letzte Reittag ist gleichzeitig auch das längste. Heute kreuzen wir das große Tal um vom Harghita-Gebirge zurück in den gegenüberliegenden Karpatengebirgskamm zu gelangen, wo sich der Hof von Csaba befindet. Am Vormittag reiten wir über die weiten, riesigen blumigen Wiesen bis wir die Stadt Gheorgheni erreichen. Von dort aus arbeiten wir uns berghoch, über den gleichen unwegsamen Weg, den ich vor einer Woche im Auto zurückgelegt habe. Dieses Mal im Tageslicht sehe ich aber mehr. Immer wieder sieht man schöne Blockhäuser in idyllischer Lage im Wald. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man fast meinen, man befände sich irgendwo in den Rocky Mountains in Nordamerika. Nach einigen steilen Passagen erreichen wir Csabas Hof. Die zurückgebliebenen Pferde freuen sich über die Rückkehr ihrer Kameraden, die sich erst noch etwas gedulden müssen, bis alle abgesattelt und abgeduscht sind. Für ein paar Abschiedsfotos müssen sie noch stillstehen, ehe sie in ihre wohlverdiente Freiheit entlassen werden.
Nach der herrlichen Dusche in den rustikalen ofenbeheizten Außenduschen, genießen wir ein letztes gemeinsames Abendessen. Früh am nächsten Morgen breche ich auf zum Flughafen. Mit selbstgemachtem Heidelbeerschnaps und –marmelade im Gepäck und der Erkenntnis, dass man für richtiges Abenteuerfeeling abseits der Zivilisation in ursprünglicher, wunderschöner Landschaft nicht um den halben Globus fliegen muss, sondern gerade mal 2 Stunden, steige ich in den Geländewagen. Polternd bahnt er sich den steinigen Pfad bergab...

Informationen zur Reittour „Auf den Spuren der Bären“ unter: http://www.reiterreisen.com/bae008.htm
Benutzeravatar
admin
Site Admin
 
Beiträge: 116
Registriert: 20 Feb 2013, 13:58

Zurück zu Unsere Reiseberichte

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast