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Abenteuer Kirgisistan Durchquerung

BeitragVerfasst: 17 Aug 2015, 10:36
von admin
Zwischen Murmeltieren und Edelweiss

„Muh“ ertönt es wiederholt, nur wenige Meter von unserem Zelt entfernt. Es ist 7 Uhr morgens, wir befinden uns auf rund 3.000 m Höhe, auf einer Hochebene im Süden Kirgisistans. Gestern morgen sind wir, zehn Gäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie zwei Reitführer und eine Übersetzerin zu unserem zweiwöchigen Abenteuerritt quer durch Kirgisistan gestartet. Vom ehemaligen Handelszentrum an der Seidenstrasse, Tash Rabat, ging es begleitet vom Pfeifen der Murmeltiere, über grüne Wiesen, vorbei an markanten Felsen immer weiter hinauf. Nach dem zwanzigsten „Muh“ ergeben wir uns, schlüpfen aus dem Schlafsack und bauen unser Zelt ab - sehr zur Freude der drei Bullen, die sich nun endlich zufrieden wiederkäuend auf ihren angestammten Platz in der Steppe legen. Ganz offensichtlich sind ihnen die zweibeinigen Eindringlinge lästig. Nach dem Frühstück sind die höhenbedingten Kopfschmerzen glücklicherweise verflogen, mein Körper hat sich langsam an die Luft gewöhnt. Frohen Mutes steige ich in den Sattel des kleinen munteren Hengstes Tiko. Die Kirgisen reiten fast ausschließlich Hengste, nur einen Wallach haben wir dabei. Dieser hat es als Hengst zu wild getrieben, zahlreiche Narben zeugen noch immer von einstigen Hengstkämpfen. Der bildhübsche Schimmel ist auch als Wallach noch sehr munter und statt sich wie die anderen seinem Schicksal zu ergeben, galoppiert er an diesem sonnigen Morgen trotz Fußfesseln durch den Fluss davon. Zwei weitere Pferde schließen sich vor Übermut bockend an und Jungreitführer Beka muss noch einmal los reiten um die Ausreißer wieder einzufangen. Die anderen Hengste stehen derweil schon gesattelt nebeneinander oder zu zweit aneinander angebunden bereit. Kaum vorstellbar bei uns: Eine ganze Herde von 14 Hengsten auf einem Haufen – ein gelegentliches Quietschen bringt unsere Reitführer nicht aus der Ruhe. Nur, wenn sie es übertreiben, gibt es eine Warnung oder man bindet sie um. Während dem Reiten müssen wir nichts weiter beachten. Zieht nicht gerade eine fremde Pferdeherde durch, denken wir gar nicht daran, dass wir Hengste reiten. Nur zwei oder drei unserer Pferde reagieren überhaupt auf fremde Stuten und Hengste, die anderen scheinen sich ihrer Männlichkeit gar nicht wirklich bewusst zu sein.

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Neben Pferden begegnen wir auch großen Herden von Ziegen, Schafen und Rindern, va. am magischen Steppensee Son Kul auf gut 3.000 m Höhe. Hier begegnen wir auch einer Herde uriger Yaks. Die ungewöhnlichen Huftiere mit ihren kleinen Augen, hängenden Köpfen und dem zotteligen Fell, aus dem die vier Beine gerade so hervorschauen, lassen einen an Eiszeit und Yetis denken. Der Son Kul ist eines der landschaftlichen Highlights auf unserer Reise. Zwei Tage rasten und reiten wir an dem stillen blauen See entlang, dessen tiefste Stelle gerade einmal 7 m misst. Es ist schön warm und so genießen wir auch ein Bad vor den schneebedeckten Bergen, die sich im klaren Wasser spiegeln. Wunderschön ist auch der Ritt am Nordufer, wo es viele kleine Buchten gibt zwischen der Steilküste.

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Am Son Kul übernachten wir zweimal bei Nomadenfamilien und erhalten so einen guten Einblick in die bäuerliche Kultur. In Kirgisistan leben die Bauern allerdings nur noch im Sommer in Jurten in den hoch gelegenen Steppen und auf den saftigen Almen. Den Winter verbringen sie in den Dörfern in den Tälern. Es herrscht also Almbetrieb. Für uns Europäerinnen gewöhnungsbedürftig ist die Haltung der Pferde als Nutztiere. Die Kirgisen essen sehr gerne Pferdefleisch, wie wir bereits auf dem Viehmarkt in Tokmok erfahren haben. Außerdem halten sie Pferde der Milch wegen, denn aus der Stutenmilch wird das berühmte Nationalgetränk Kumis gewonnen. Es schmeckt säuerlich und leicht vergoren und die meisten der Gäste begnügen sich gerne mit einem kleinen Schluck. Für die Gewinnung der Stutenmilch werden die Fohlen im Sommer tagsüber nahe der Jurten angebunden und die Stuten etwa alle 2 Stunden gemolken. Nachts dürfen sie dann mit ihren Müttern die große Freiheit der Steppe genießen. Wenn sie nicht der Wolf holt, denn für die Wölfe sind Fohlen eine beliebte Beute. Schafe und Ziegen werden nachts zur Sicherheit in einen Pferch getrieben. Die Familien haben außerdem meist ein bis drei Hunde, die Alarm schlagen, wenn sich Wölfe nähern. Den Kälbern geht es ähnlich wie den Fohlen, sie sind entweder nachts angepflockt oder tags in einem Pferch, so dass die Kühe gemolken werden können. Das ist nun wiederum ein schönes Bild für uns, wie die Kälbchen frei herum laufen, werden sie bei uns doch meist gleich nach Geburt von der Mutter getrennt und in Einzelhaft gesteckt.

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Neben den vielen Tieren begeistern uns ganz besonders die zahlreichen Blumen, noch nie habe ich solche Blumenteppiche gesehen. Die dominierende Farbe der Almwiesen ist dabei lila. Dazwischen leuchten u.a. gelber Alpenmohn und Vergissmeinnicht auf. In der Steppe dominiert dagegen weiss: Am Son Kul finden wir uns zwischen tausenden von Edelweiss wieder! Eine unglaubliche Vielfalt findet sich auch unter den Disteln, die uns überall in ganz unterschiedlicher Form begleiten. Es empfiehlt sich daher nicht, barfuss durch die Wiesen zu gehen, besonders tückisch sind nämlich die kleinen grünen Disteln, die sich im Gras verstecken und beim Zeltaufbau gelegentlich einen schmerzerfüllten Aufschrei provozieren. Am beeindruckendsten sind die riesigen stengellosen weissen Disteln am 3.570 m hohen Pass Chem, den wir am vorletzten Tag überqueren. Sie sehen so flauschig und weich aus, aber bei genauem Hinsehen lassen sich die nadelartigen, dicken Stacheln unter dem weissen Flaum deutlich erkennen. Wir überqueren während unserem Ritt gleich mehrere über 3.000 m hohe Pässe, wobei jeder ein unglaublich schönes Bergpanorama bietet. Die Wege über die Berge sind teilweise schmal und steinig. Schwindelfreiheit ist bei diesem abenteuerlichen Ritt ein Muss! An zwei oder drei Stellen hilft nur noch buchstäbliches „Augen zu und durch“, wenn der Weg nicht mehr erkennbar ist und der Hang senkrecht in die Tiefe abfällt. Die Pferde sind absolut trittsicher und leisten Unglaubliches: Ob es extrem steil bergauf oder bergab geht, über Felsen und durch Flüsse bis hin zu flotten Galoppaden in der Ebene, sie geben alles. Über Gräben nehmen sie einfach gelassen einen großen Schritt und die zahlreichen Flussdurchquerungen stören sie überhaupt nicht, schließlich sind sie in dem wilden Gelände aufgewachsen und nicht in einer ebenen Koppel mit Selbsttränke. Zwischen den einzelnen Bergkämmen liegen weite Täler, die meist sehr fruchtbar und grün sind.

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Kirgisistan ist gesegnet mit Wasser. Die Gebirgsbäche versorgen die Ebenen zu genüge. So gibt es denn auch schönes Heu für die langen Wintermonate. Außerdem wird Strom mit Wasserkraft gewonnen, der teilweise sogar ins Nachbarland Usbekistan exportiert wird. Ein weiterer Schatz des Landes stellen die Goldbestände dar. 75% davon heimst jedoch Kanada ein - moderne Kolonialpolitik. Im Goldstaub scheinen sich auch die Pferde zu wälzen; das Fell der edel anmutenden Tiere weißt sehr häufig einen goldenen Schimmer auf, wie er etwa von den Achal Tekkinern bekannt ist. Ansonsten treffen wir auf Pferde jeglicher Couleur: Von Glanzrappen über Palominos bis hin zum Schabrackentiger ist alles vertreten. Ebenso vielfältig wie die Tier- und Pflanzenwelt zeigt sich die Landschaft. Stellenweise erinnern die Berge wiederum an den Atlas in Marokko: Karge rote bis ockerfarbene Felswände mit einzelnen grünen Grasbüschen begrenzen das weite Tal. Dazu die einzelnen prunkvollen Friedhöfe mit orientalischen Türmchen und die kleinen Moscheen in den Dörfern, deren silberne Kuppeln sich von den Lehmbauten abheben. Die Dörfer sind alle recht ähnlich: Ockerfarbene Lehmbauten in grünen Ebenen, durchzogen von Wasserkanälen. Teils sind die Häuser auch weiß gestrichen und gerne wird ein leuchtendes Türkis für Dächer, Hoftore und Zäune verwandt. Jedes Haus ist umgeben von einem Garten, in denen häufig ein Pferd, ein Kalb oder ein Esel weilen. Fast jeder Hof hat auch einen Hund und ein paar Hühner. Die Kühe gehen häufig am Morgen gemeinsam auf die Weide. Am Straßenrand begegnen uns oft Kälber, die tagsüber im Dorf herumstreifen. Die Leute mustern uns interessiert und grüßen zurück. Besonders neugierig sind die Kinder, die schüchtern hinter den Hoftoren hervorlinsen.

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Das Leben in dem inzwischen überwiegend muslimischen Land ist sehr traditionell, zumindest im ländlichen Raum. Während die Frauen für den Haushalt und die Kinder zuständig sind, kümmern sich die Männer um die Viehherden. Es ist nicht so, dass eine Frau nicht reiten könnte, aber die Rollenverteilung scheint recht starr. Dagegen ist die Schwester unseres Reitführers, Gylmira, eine sehr selbstbewusste und eigenständige Frau: Die geschiedene Mutter von mehreren Kindern arbeitet in der Elektrotechnik und betreibt nebenbei einen kleinen landwirtschaftlichen Hof in Kalinovka. Dieser ist auch die Basis für die Ritte, wo wir vor und nach dem Ritt übernachten. Während des Trails begleitet uns Gylmira im Begleitfahrzeug. Sie sorgt sich um das leibliche Wohl der Gäste und ist mit ihrer herzlichen Art auch unterwegs die gute Seele. Überhaupt fühlen wir uns bei der Großfamilie von unserem Reitführer Saty in besten Händen. Saty, der selbst in der Schweiz lebt und nur noch für die Trails im Sommer heimkehrt, spannt seine gesamte Familie ein: Die Schwester als Köchin, den Bruder als Fahrer und den Neffen als zweiten Guide und Pferdepfleger. Gut, dass der Bruder auch Mechaniker ist, denn unser historisches Begleitfahrzeug aus Sowjetzeiten hat mitunter schwer zu kämpfen in den Bergen. Neffe Beka führt nicht nur die Ersatzpferde, sondern lehrt uns auch fleißig Kirgisisch, so dass wir am Ende wenigstens über einen Basiswortschatz von Schnecke bis Auf Wiedersehen verfügen. Weitere Familienmitglieder und Bekannte lernen wir in den Dörfern und Jurten kennen, wo wir übernachten. An einem Abend kommen mehrere Freunde Satys zu Besuch in unser Zeltkamp. Alle freuen sich, ihren Freund wiederzusehen und der Abend wird zu einem fröhlichem Fest mit kirgisischen und deutschen Liedern am Lagerfeuer.

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Nach fünf unglaublich schönen Bergpässen, ebenso vielen Ebenen, unzähligen Flüssen, Steppen und Dörfern, erreichen wir am elften Reittag wieder Kalinovka, nahe der kasachischen Grenze. Zu Pferd haben wir nun das Land einmal von Süden bis Norden durchquert. Mit den Schnee bedeckten Bergen Chinas im Hintergrund reiten wir nun den kargen hohen Felswänden entgegen, die die Grenze zu Kasachstan markieren. Ein großartiges Abenteuer in einem touristisch kaum erschlossenen Land liegt hinter uns. Nach einem Abschiedsfest auf Gylmiras Hof heißt es schließlich Abschied nehmen. Saty und unsere liebenswerte, immer fröhliche Übersetzerin Asel begleiten uns noch zur Hauptstadt Bishkek. Die etwa 900 000 Einwohner große Stadt ist noch vergleichsweise neu, schließlich waren die Kirgisen wie die Mongolen lange Zeit Nomaden. Erst unter Russland wurden nach und nach Kolchosen gebaut, die auch heute noch als Bauernhöfe genutzt werden, sowie Dörfer und einige wenige Städte. Wider Erwarten bietet die Hauptstadt dennoch viel Flair. Es gibt Parks, Springbrunnen, Plätze und Märkte, Cafés und es ist auch durchaus sauber. Auf dem Markt und im Kaufhaus decken wir uns mit tollen Souvenirs von Filzkissen über Taschen bis hin zu Zaumzeug ein. Verwurzelt zwischen Asien und Orient, bietet Kirgisistan ein einmaliges Abenteuer, kulturell wie auch landschaftlich. Viel zu schnell ist der Urlaub zu Ende, aber wir werden gewiss noch lange Zeit an die Düfte, die Blumen, die lachenden Menschen, schönen Pferde und hohen Berge dieses traumhaften Landes zurückdenken!

Jessica Kiefer, Juli 2015

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Link zum Programm: www.reiterreisen.com/av-wkgri01.htm
Bildergalerie: https://www.facebook.com/media/set/?set ... 099&type=3