Reittour Jakobsweg, Spanien, Meeresroute

Reittour Jakobsweg, Spanien, Meeresroute

Beitragvon admin » 15 Jul 2013, 09:35

Reisebericht zum Jakobsweg in Galicien
„Meeresroute“ 9. - 14. September 2012
von GABY RÄCKE


Sonntag, 09. September 2012

Früh um 4:22 Uhr geht mein ICE von Köln zum Frankfurter Flughafen. Nach einer Stunde Fahrt ist noch genügend Zeit zum Einchecken für meinen Flug um 7:20 Uhr mit der Iberia nach Madrid. Nach kurzem Aufenthalt in Madrid geht es gleich weiter um 11:45 Uhr nach Santiago de Compostela, wo ich pünktlich um 12:45 Uhr lande. Jesus, der Reiseleiter und Eigentümer des Reitbetriebes, holt mich vom Airport ab. Während der Fahrt erzählt Jesus über die Anfänge seines Reitbetriebes, den er im Jahre 1993 gegründet hat. Er sei der Einzige, der in Galizien alle klassischen Routen des Jakobsweges zu Pferd anbietet. Er ist viele Monate im Jahr auf diesen Trails, die alle von den Pyrenäen auf Santiago de Compostela zulaufen, unterwegs. Auch von Süden, aus Porto in Portugal kommend, gibt es einen Traditionsweg. Die Meeresroute ist ein Teilstück davon. Zwanzig Pferde hat er an seinem Standort, und acht weitere Pferde sind bei Freunden untergebracht. Sie werden von den Familien gepflegt und geritten. Und wenn er mal eine größere Reitergruppe hat, setzt er diese Pferde gelegentlich ein. Hier in seiner Heimat sei das Reiten auf dem Jakobsweg sehr beliebt. Die Wenigsten wissen aber etwas darüber, dass man sich den Jakobsweg auch zu Pferd erschließen kann.
Wir fahren zu seinem Haus in den Bergen südlich von Pontevedra. Ich bin eingeladen zum Lunch (Hühnchen, Pommes Frites, Brot, Salat, grüne Mini-Paprika, eine Spezialität Galiziens) mit der Familie, die sich nach alter Tradition jeden Sonntag am großen Tisch versammelt, gemeinsam isst, Wein trinkt und die Neuigkeiten der vergangenen Woche austauscht. Jesus bespricht mit seiner Frau die Details für das Abendessen mit den Reitern der „Meeresroute“, die heute Abend eintreffen. Es wird das erste Mal sein, dass Jesus seine Reitgäste in seinem Haus bewirtet.
Den zum Lunch gereichten roten und weißen Wein baut Jesus übrigens selber an, was für etliche hundert Flaschen und einige Fässer zum Eigenbedarf reicht. So ganz nebenbei stellt sich während unserer Unterhaltung heraus, dass Jesus ein Tausendsassa ist, der sich nicht nur mit Pferden beschäftigt und Wein anbaut, er hat auch noch einige 100 Rinder, eine lokale bullige Rasse, die er für den Fleischverkauf züchtet.
Nach dem Lunch verlädt er seine Pferde in einen großen Transporter, mit dem sie zum morgigen Ausgangspunkt der Tour gefahren werden. Martin fährt mich derweil zum Hotel „Complejo Reigosa“ in Puentecaldelas, nicht weit entfernt vom Haus der Familie (ca. 10 km Richtung Meer). Ich erfahre, dass Jesus Teilhaber dieses kleinen Hotels ist, das idealerweise Platz für alle Reitgäste bietet. Jesus holt währenddessen vom Flughafen die aus Mexiko und Madrid angereisten Teilnehmer ab. Gegen 21:00 Uhr treffen die Reitgäste im Hotel ein. Es ist der mexikanische Geschäftsmann Leo mit seiner jungen Frau Olga. Leo hat seinen erwachsenen Sohn (Name auch Leo) und zwei Töchter dabei, die noch zur Schule gehen. Mit von der Partie sind die befreundeten Spanier Carlos, ein Reitschulbesitzer, und der Bauunternehmer Isaac aus Madrid. Isaac hat seinen 13-jährigen Sohn (Name auch Isaac) mitgebracht.
Das anschließende Abendessen, das Jesus Ehefrau vorbereitet hat, dauert bis tief in die Nacht. In unzähligen Gängen werden immer wieder andere heimische Meeresfrüchte aufgetischt. Die angeregte Unterhaltung wird untermalt mit Knack- und Quietschgeräuschen, die beim Öffnen der Schalentiere entstehen und die fein säuberlich zusammengelegten Schalenhaufen werden immer höher. Es stellt sich heraus, dass das nur die Vorspeise ist - seufz! Es folgt das in Spanien übliche Fleischgericht mit Kartoffeln und selbstverständlich noch eine süße Nachspeise. Dazu wird der Hauswein und teils selbst hergestellte Obstschnäpse und Liköre gereicht. Weit nach Mitternacht erst treffen wir im Hotel ein, wo es an der Theke noch den unumgänglichen Absacker gibt.

Montag, 10. September 2012
Um 8:15 Uhr Frühstück im Hotel „Complejo Reigosa“. Mit Jesus schon am Vortag besprochen, dass ich nicht mitreite, weil gute Fotos nur vom Boden aus möglich sind. Jesus hat eingefädelt, dass sein Mitarbeiter Agapito, der sowieso als Trossfahrer dabei ist, mich im großen Van mitnimmt und überall dort, wo es möglich ist, die Reitergruppe besucht, um Essen und Trinken zu reichen, was mir die Gelegenheit für Fotos gibt.
Zuerst einmal brechen nun die Reiter zum Startpunkt der Tour auf, wo die Pferde schon fertig gesattelt bereitstehen. Es sind allesamt spanische Pferde, denen man ihre gute Konstitution ansieht, die sie für einen solchen Ritt auch brauchen. Für jeden Reiter gibt es den passenden Sattel, vom klassisch spanischen bis hin zum Westernsattel oder einem einfachen englischen Sattel ist alles dabei.
Es dauert eine Weile bis jeder seine Steigbügel richtig eingestellt hat und die letzte Wasserflasche verstaut ist. Dann endlich geht es los. Das Wetter ist gut, so dass der heutige Ritt entlang der Atlantikküste auf gute Fotos hoffen lässt. Die Reiter sind für Agapito und mich hinter der langen Mauer des Gehöfts schon längst nicht mehr zu sehen, da hören wir immer noch das Geklapper der Pferdehufe auf der Dorfstraße.
Mit der Hilfe Martins fährt Agapito zuerst einmal das Gepäck der Reitgäste ins nächste Nachtquartier, das Hotel „Pazo O Rial“, voraus. Martin verabschiedet sich, er muss zur Arbeit.
Jesus, der die Reitergruppe führt, hat uns beim Wegreiten einen Treffpunkt in der Nähe der Küste genannt. Die Reiter stärken sich gerade mit ein paar Tapas und Oliven in einer nahegelegenen Bar. Die anschließenden Aufnahmen am Strand sind Schwerstarbeit für mich, da sich alle voller Freude über das Reiten am Strand und das Plantschen im Meer wild durcheinander hin und her und vor und zurück bewegen.
Nach dem Spektakel am Strand setzt mich Agapito später im 4-Sterne-Hotel „Pazo O Rial“ ab, das am Ortsrand von Villagarcia de Arosa (Pontevedra) auf einem Hügel liegt. Krönender Abschluss der heutigen Tagesetappe ist für die Reitergruppe ein Picknick im Park neben dem Hotel. Die Pferde werden an den Parkbäumen angebunden und auf der Wiese ist für die Reiter eine Decke ausgebreitet. Auf der danebenstehenden Bank lacht uns ein Serrano-Schinken an, der in Spanien als ganze Keule in der typischen Halterung auf einem Brett verankert offeriert wird. Zu einer Paella mit Kartoffeln wird Wein gereicht. Kaum vorstellbar, dass wir heute Abend noch ein mehrgängiges Menu zu uns nehmen werden. Doch es ist erst früher Nachmittag und in Spanien wird sehr spät zu Abend gegessen. Da ist dann schon der nötige Hunger wieder da. Um 21:30 Uhr treffen wir uns im Restaurant des Hotels. Selbstverständlich gibt es vorweg wieder die regionalen Meeresfrüchte. Villagarcia ist ein weit über die spanische Grenze hinaus bekannter Zuchtstandort. In der Meeresbucht vor Villagarcia sieht man unzählige Aquakulturen für Langusten, Muscheln und anderes Getier.

Dienstag, 11. September 2012
In der Nacht hat es geregnet und ein grauer Wolkenschleier bedeckt bei Tageslicht den Himmel. Heute geht es in die Berge östlich von Villagarcia. Der „Monte Xiabre“ wird von den Reitern überquert. Mit Agapito fahre ich über die Autostraße den Berg hinauf. Oben in der Gipfelregion treffen wir die Gruppe und Agapito zaubert einen kleinen Imbiß aus dem Heck des Vans hervor. Es fängt leicht an zu regnen, was der Stimmung aber keinen Abbruch tut. Ich finde es gar nicht so schlecht, dass das Wetter heute nicht so recht mitspielt. Die über den Bergrücken hinwegziehenden Wolken hüllen mehr oder weniger die dort oben zahlreich aufgestellten riesigen Windrotoren in einen undurchsichtigen Nebel. Sind sie mal für einen kurzen Moment frei, wirken sie bedrohlich und unnatürlich in der eigentlich recht ursprünglichen, baumlosen Bergregion. Der Bodenbewuchs hat Heidecharakter und sogar ein freilaufendes Pferd taucht kurz aus dem Nebel auf und verschwindet genauso schnell, wie es gekommen ist. Da ich es ungläubig bestaune, erfahre ich, dass es hier Wildpferde gibt. Noch ein weiteres Mal treffen wir die Reitergruppe auf ihrer Bergtour. Auf der anderen Seite des Massivs ist das Wetter etwas besser und ab und zu scheint sogar die Sonne.
Schon früh bin ich mit Agapito an unserem nächsten Nachtquartier, das Landhaus „Casa rural A′ Laxareta“ in Catoira in den Bergen südwestlich von Santiago de Compostela, oberhalb des Flusses Ulla, der einige Kilometer weiter in den Atlantik mündet. Das Landhaus mit ganz privater Atmosphäre wird von Marisa und ihrem Mann Manolo geführt. Bald schon treffen die Reiter ein. Diese Nacht stehen die Pferde direkt hinter dem Haus auf einer Wiese. Gegen 15:30 Uhr gibt es Lunch. Köstlicher Fisch wird serviert.
Am Abend werden wir mit einem wunderschönen Sonnenuntergang belohnt. Direkt vor dem Landhaus steht ein für diese Region typischer „Hórreo“, ein auf Steinen hochgebauter Kornspeicher, worin früher die Ernte zum Schutz vor Mäusen aufbewahrt wurde. Das Kreuz auf seinem Dach hebt sich im Gegenlicht deutlich gegen den orangefarbenen Himmel ab. Es erinnert einen daran, dass wir auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela unterwegs sind.

Mittwoch, 12. September 2012
Früh am Morgen ist das Haus noch vom Nebel umhüllt, der sich aber zusehens lichtet als die Reitergruppe aufbricht. Nach Durchreiten des Dorfes erreicht die Gruppe den Fluss Ulla. Der Fluss kann leider nur über eine stark befahrene Brücke überquert werden. Im Gänsemarsch ist das aber bald geschafft und der Stress ist vorbei als die Pferde auf der anderen Seite in einen schmalen Feldweg abbiegen. Im Fluss liegen wie ein Mahnmal die Wracks alter Holzschiffe. Catoira feiert jedes Jahr im August mit aufwändig nachgespielten Szenen die „Romería Vikinga“, die Befreiung von den Wikingern, die vor mehr als tausend Jahren über den Fluss Ulla im Inland Santiago de Compostela erreichen wollten.
Auf der anderen Seite der Ulla können Agapito und ich im fruchtbaren Flussmarschland immer wieder leicht die Gruppe erreichen. Es ist eine abwechslungsreiche Landschaft mit altem Baumbestand und landwirtschaftlichen Kulturflächen. Als das Gelände unwegsamer wird fahre ich mit Agapito zu unserem nächsten Quartier, das Vier-Sterne-Hotel „Pazo de Lestrove“ bei Padrón am Rio Sar, einem Nebenfluss des Flusses Ulla.
Als die Reiter einige Stunden später das Hotel erreichen, ist dort auf der nahegelegenen Wiese von Agapito für die Pferde schon alles vorbereitet. Es ist fast schon eine freudig erwartete Gewohnheit, dass wir uns, nachdem die Pferde versorgt sind, zum Lunch zusammensetzen und selbstverständlich sind auch Meeresfrüchte dabei, diesmal in einer opulenten Paella. Da es schon später Nachmittag ist, fällt der Verzicht auf ein Abendessen nicht schwer. Der Rest des Abends klingt bei Tapas und Rotwein gemütlich aus.

Donnerstag, 13. September 2012
Nach dem Frühstück treffen sich alle auf der großen Wiese neben dem Hotel. Der letzte Reittag verspricht schön zu werden, die Sonne scheint und es ist angenehm warm. Direkt hinter dem Dorf klettert wenig später die Reitergruppe an einer malerisch gelegenen kleinen Kirche vorbei einen Hang hinauf und verschwindet in Richtung Santiago de Compostela im Wald. Die Reiter berichten mir später, dass sie auf dem Weg nach Santiago eine abwechslungsreiche Landschaft durchritten haben. Wir treffen sie noch einmal kurz vor der Stadt auf dem Dorfplatz eines kleinen, idyllischen Bauerndorfes. Unter den alten, schattenspendenden Eichen gibt es für alle ein Stärkung. Serrano-Schinken und Käse mit Brot wird gereicht und - wer möchte - kann natürlich auch noch mal ein kleines Gläschen von dem Wein probieren, den Jesus selbst gekeltert hat.
So kurz vor den Toren von Santiago de Compostela ziehen viele Pilger aus aller Herren Länder an uns vorbei. Manche machen einen erschöpften Eindruck, die meisten sind aber, kurz vor ihrem Wallfahrtsziel Santiago, guter Dinge. Selbst später in der Stadt sieht man überall Wanderer, die dem Zentrum mit der Kathedrale zustreben.
Auch für die Reiter soll heute krönender Abschluss der Ritt zur Kathedrale mitten durch die Altstadt von Santiago sein. Als sie dort eintreffen ist der riesige Vorplatz der Kirche voller Menschen, Pilger, Touristen, ein buntes Gemisch vieler Kulturen. Selbst als Betrachter, nicht im Sattel sitzend, ist es ein erhebendes Gefühl die Reiter vor der prächtigen Kulisse des Westportals dieses historischen Bauwerks mit seinen eindrucksvollen Kirchtürmen zu sehen. Die Menschen um uns herum empfinden das offensichtlich genauso. Viele wollen die Reitergruppe ganz nah sehen und fotografieren. Einige versuchen sogar, die Pferde zu berühren.
Beim Wegreiten vom Kirchplatz schallt das Getrappel der Pferdehufe in die Altstadt von Santiago hinein. Die Pferde sind aufgrund der großen Menschenansammlungen in der Innenstadt natürlich aufgeregt, und der eine oder andere Pferdeapfel fällt auf die Altstadtstraßen. Agapito ist darauf vorbereitet und geht der Reitergruppe hinterher, um das Straßenbild wieder in Ordnung zu bringen.
Die letzte Nacht verbringen wir im 5-Sterne-Hotel „Los Abetos“, am Rand der Stadt unweit des „Monte del Gozo“ gelegen, von wo aus Pilger das erste Mal auf ihrer Wallfahrt die Kathedrale unten in Santiago de Compostela sehen können. Wie selbstverständlich werden zum Lunch wieder Berge von Langusten, Schwertmuscheln und anderen Meeresfrüchten als Vorspeise serviert. Heute sind auch etliche Jakobsmuscheln dabei, deren stilisierte Abbildung ihrer Schale als Wandermarkierung für die Pilger auf dem Jakobsweg weltberühmt ist.
Nach diesem üppigen Mahl muss jeder erst einmal eine kurze Siesta auf seinem Zimmer halten. Der Abend klingt mit einem Bummel durch die Altstadt von Santiago aus, die, wie auch die Kathedrale, von der Unesco 1985 zum Weltkulturerbe erklärt worden ist.
Jesus, der zwischenzeitlich die Pferde nach Hause gebracht hat, stößt später dazu und lädt alle noch einmal zu einem Absacker und - was wohl - zu einer Portion Meeresfrüchte ein.

Freitag, 14. September 2012
Am nächsten Morgen heißt es dann nach dem Frühstück Abschied nehmen. Ein erlebnisreicher Ritt auf dem Jakobsweg mit landschaftlichen und - nicht zu vergessen - kulinarischen Highlights wird allen sicherlich in guter Erinnerung bleiben.

Alle Infos zu den Reittouren auf dem Jakobsweg unter: http://www.reiterreisen.com/gal009.htm
Foto-Album: https://www.facebook.com/media/set/?set ... 099&type=1

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