Ritt über den Kjölur durch Islands raues Hochland

Ritt über den Kjölur durch Islands raues Hochland

Beitragvon admin » 04 Mär 2013, 17:24

Ritt über den Kjölur durch Islands raues Hochland
Auf den Spuren von Bauern und Gesetzlosen

Ende Juni – in Deutschland hat der Sommer Einzug gehalten mit Temperaturen von weit über 30 Grad. Zusammen mit einer ganzen Kompanie von Bremsen und Mücken bedeutet dies, dass die Zeit für ausgedehnte Ausritte im heimischen Forst nun erst einmal vorbei ist. Umso mehr freue ich mich auf meine gebuchte Islandreittour. Um 22:00h besteige ich meinen Flieger in Stuttgart. Auf dem 3,5-stündigen Flug nach Norden folgen wir stets dem Sonnenuntergang. In Reykjavik ist es dann der Sonnenaufgang, der uns mitten in der Nacht begrüßt. Am nächsten Tag werde ich nach einem gemütlichen Stadtbummel zusammen mit anderen Reitgästen von einer Mitarbeiterin des Reiterhofs abgeholt. Einige Pferde warten bereits gesattelt auf die Reitgäste für den Nachmittagsritt. Wie gerne würde ich gleich selbst in den Sattel steigen, doch ich werde mich noch bis zum nächsten Tag gedulden müssen. So schließe ich mich einer Gruppe von Touristen an, die sich auf dem Hof zu einem Vortrag über Islandpferde eingefunden haben. Obwohl ich selbst schon früher auf Isländern geritten bin, erfahre ich einige interessante Fakten. Die unglaublich genügsamen und leistungsbereiten Pferde ernähren sich selbst auf mehrtägigen Reittouren lediglich von Gras und Heu. Nur im Winter, den sie selbstverständlich in der Herde auf der Weide verbringen, bekommen die Tiere als einziges Zusatzfutter gesalzenen Hering, der sie mit wichtigen Vitaminen versorgt. Der Hof besitzt etwa 170 Pferde, weitere 100 werden jeden Sommer von benachbarten Farmen zur Verfügung gestellt. Jeder, der hier Land besitzt hat auch ein paar Pferde, ob er nun aktiver Reiter ist oder nicht. Am Ende der Saison erhalten die Farmer ihre Pferde gut trainiert für den Schafabtrieb im September zurück. Zudem bietet sich die Gelegenheit ein Pferd an einen Reitgast zu verkaufen, denn jeden Sommer verlassen zahlreiche der großartigen Pferde für immer Ihre Heimat.

Am Abend treffen meine 10 Mitreiterinnen für die Kjölur Reittour ein – eine sympathische Gruppe von fast ausschließlich alleinreisenden Frauen aus Deutschland, Dänemark, Schweden und England. Eine ältere Dame aus London hat bereits 5 verschiedene Island Reittouren mitgemacht und kennt die Gletscher, Berghütten, Flüsse und auch die meisten Pferde bei ihren oft sehr komplizierten Namen. Zunächst erhalten wir einige Informationen zur Reitstrecke und eine Anleitung zum Tölten – die wenigsten Teilnehmerinnen reiten auch zu Hause auf Islandpferden. Unsere Guides kommen beide aus Schweden. Seit über 10 Jahren kommen sie jeden Sommer nach Island um Reittouren zu führen. Den Rest des Jahres verbringen sie als Hufschmied, bzw. Lehrerin in ihrem Heimatland. Umgangssprachen sind Schwedisch und Englisch, kaum einer der „Sommerarbeiter“ spricht fließend Isländisch.

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Bevor wir am nächsten Tag endlich los reiten, fahren wir über die Ringstraße in den Norden, wo unsere Reittour beginnt. In der Woche zuvor ist eine andere Gruppe mit einer Herde von rund 50 Pferden über den Kjölur nach Norden geritten. Diese Herde treffen wir nun auf einem Hof im Vatnsdalur. Unwillig lassen sie sich von unseren Guides von ihrer riesigen Weide treiben. Als sie schließlich mit wehenden Mähnen vor uns stehen, ist die Vorfreude riesig – die der Reiterinnen versteht sich. 2-3 Pferde stehen jedem Reiter zum Wechseln zur Verfügung. Da es in der Woche zuvor 18 Teilnehmerinnen gab, haben wir eine große Herde. Diese wieder zurück zu bringen wird bestimmt recht abenteuerlich. Endlich sind die Pferde gesattelt und wir dürfen aufsteigen. Die Pferde, die zuvor noch so friedlich da standen werden nun putzmunter. Es gibt zwei Reitgruppen, die freilaufende Herde stets zwischen sich halten sollen. Mein Pferd, Blakkur, töltet sofort los, ohne dass ich ihn dazu aufmuntern muss. Vom Hof führt ein breiter Weg durch grüne Wiesen. Hinter uns ragt eine schroffe schwarze Felswand empor, die von einer tiefen Schlucht und einem Wasserfall durchbrochen wird. Als wir auf dem Bergkamm ankommen lassen wir die Pferde etwas grasen. Dazu sitzen wir ab und umzingeln die Herde in einem Kreis. Ein paar neugierige Schafe kommen herbei um die Pferde in Augenschein zu nehmen. Von uns Menschen halten sie dagegen lieber Abstand – verständlich, wenn man den großen Wollverbrauch für die typischen Pullover und den hohen Verzehr von Lammfleisch auf Island bedenkt.

Als es weitergeht, bin ich mit Blakkur nicht schnell genug und reite statt bei der vorderen Gruppe nun zwischen den freilaufenden Pferden. Genau das sollen wir vermeiden, so warten wir auf die hinteren Reiter und schließen uns ihnen an. Die freilaufende Herde wird in dieser Woche unser Tempo bestimmen. Reitet man vorne zu langsam, versuchen immer wieder einige Pferde sich an den Reitern vorbei zu stehlen. Reitet man hinten zu langsam, zieht sich die ganze Gruppe auseinander und die Pferde biegen ab zum Flussufer oder grasreichen Plätzen. Das Tempo ist somit flott, die meiste Zeit wird getöltet. Hier oben auf der weiten Hochebene im Sattel dieser unermüdlichen Pferde bin ich ganz in meinem Element und bin mir schon jetzt sicher, dass meine erste Island Reittour nicht die letzte sein wird. Bis zur ersten Berghütte reiten wir über weiche Pfade, die durch weite Graslandschaft und alte nun mit buckeligem Moos bewachsene Lavafelder führen, vorbei am See Blöndulón. Die Hütte verfügt über recht viel Komfort: Es gibt 4-Bett-Zimmer und sogar einen wenn auch künstlichen Hotpot. Nach 6 Stunden unterwegs freuen wir uns über ein entspannendes Bad. Da nicht dunkel wird, bin ich auf die Armbanduhren meiner Mitreiterinnen angewiesen, um nicht allzu spät ins Bett zu gehen. Mein Handy bleibt in dieser Woche tief in meiner Tasche vergraben, obwohl es anscheinend überall Empfang gäbe. Trotz Helligkeit schlafe ich hervorragend, nach einem langen Reittag kein Problem.

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Am nächsten Morgen höre ich beim Frühstück plötzlich einen lauten Schrei, der von der Koppel her kommt. Da wird doch hoffentlich niemand unter die Hufe gekommen sein? Nein, die Pferde sind unschuldig, Schuld ist dagegen einer der vielen Steine, die hier aus der Erde herausragen. Über diesen ist eine meiner Mitreiterinnen so unglücklich gestolpert, dass sie sich den Arm ausgekugelt hat. Eine dreiviertel Stunde dauert es bis endlich ein Krankenwagen kommt, der die Patientin in das 1,5 Fahrstunden entfernte Krankenhaus von Akureyri bringt. Über den Kjölur führt neben den Reitpfaden lediglich eine schmale Fahrstraße, die nur teilweise geteert ist, Glück im Unglück, dass sich der Unfall nicht unterwegs mitten auf einem abgelegenen Lavafeld ereignete.

Es ist bereits Mittag, als wir zu einem langen Reittag aufbrechen. Aber schließlich ist es die ganze Nacht über hell, keine Eile also. Zunächst geht es wieder über schmale, weiche Wege, die sich wie kleine braune Gräben scheinbar durchs ganze Land ziehen. Die Pferde laufen darin wie aufgefädelt hintereinander her. Wir reiten über eine grüne Hochebene, die durch mehrere Seen und Bäche offenbar gut mit Wasser versorgt wird. Nach der Mittagspause und Pferdewechsel bietet sich plötzlich ein völlig anderes Bild: breite Sandwege führen durch eine karge braune Landschaft. Die Herde wirbelt eine riesige gelbe Staubwolke auf – ein toller Anblick, den einige Touristen von Ihrem Jeep aus festhalten. Ich selbst komme diesmal nicht zum Fotografieren, genieße aber den überaus sanften Galopp meines Pferdes, bei dem man auf den leichten Sitz gut verzichten kann. Das Gras bildet nun nur noch einzelne kleine grüne Flecken in der Vulkanlandschaft, die ansonsten von buckeligem gräulichem Moos geprägt wird, alles erscheint in zarten Pastelltönen. Bald erblicken wir in der Ferne den ersten Gletscher, den Hofsjökull, der übrigens etwa 10 mal so groß ist wie der Ejafjallajökull. Ab und zu gelangen wir an einen Bachlauf, den die trittsicheren Isis ohne jedes Zögern durchqueren. Am Abend erreichen wir unsere Unterkunft, eine kleine Berghütte, die neben dem Gletscher- und Bergpanorama noch ein weiteres Highlight bietet: direkt neben der Hütte befinden sich die heißen Quellen von Hveravellir, um die herum überall das kleine violette Leimkraut blüht. Schon von weitem sehen wir den Dampf aus zahlreichen Quellen emporsteigen. Hier genießen wir statt einer Dusche ein Bad im Hotpot, der in die Quellen integriert wurde. Anschließend entführt uns unser Guide in die Vergangenheit Islands. Dafür steigen wir durch ein schmales Loch in eine stockfinstere Höhle, deren Ausmaß kaum zu erkennen ist. Hier lebten einst der Gesetzlose Fjalla-Eyvindur und seine Frau Halla, zwei gefürchtete Schafdiebe, die ständig auf der Flucht vor ihren Verfolgern waren. Ihre Kinder brachten sie daher stets nach der Geburt um. Nach dieser Gruselgeschichte steigen wir gerne wieder zur vom Schwefel bunt gefärbten Erdoberfläche hinauf.

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Der dritte Reittag wird unser längster sein. Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem die Hafergrütze niemals fehlen darf, brechen wir auf zu einem 8-stündigen Ritt. Die Landschaft um uns herum verändert sich an diesem Tag rasant schnell, wobei uns jedoch stets der Blick auf den Hofsjökull und den kleineren gezackten Langjökull erhalten bleibt. Zunächst folgen wir einem sandigen Bach durch die nun wieder pastellfarbene Landschaft. Über einen schmalen steilen Pfad gelangen wir in das Thjófadalur („Tal der Diebe“), einen der schönsten Orte der Strecke. Das kreisförmige versteckte Flusstal ist umgeben von farbenprächtigen sanften Bergen, den beiden Gletschern und einer schwarzen Felswand aus Lavagestein. Die Sonne bringt das Tal richtig zur Geltung und verwöhnt uns während unserer kurzen Mittagspause. Später erreichen wir ein weites Lavafeld, wo wir dem Fluss Hvità folgen. Am gegenüberliegenden Ufer ragt nun der Langjökull in nächster Nähe empor. Der Boden ist sandig und mit dem typischen gräulichen Moos überzogen. Den Weg über das Lavafeld Kjalhraun, weisen große Steinhaufen, die in einem Abstand von etwa 20 Metern zu Kegeln zusammengetragen wurden. Vor gut 200 Jahren kam es auf dem Kjalhraun zu einem tragischen Unglück: 2 Bauern und ihre Helfer kamen samt Pferden und einer Herde von rund 150 Schafen bei einem gewaltigen Schneesturm im Oktober ums Leben. Bis heute wurden die Leichen der beiden Brüder nicht gefunden, nach wie vor kann man jedoch den ein oder anderen Schafsknochen entdecken. Nach diesem tragischen Ereignis wurde der Kjölur, zuvor wichtigste Nord-Süd-Verbindung, rund 100 Jahre lang gemieden, erst Anfang des 20. Jahrhunderts wagten sich wieder Reiter hierher.

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Da sich der Weg nicht in den harten Boden eingegraben hat, nehmen ihn die Pferde auch nicht als Begrenzung ernst: Ständig versucht die Leitstute, gefolgt von den üblichen frechen Rappen, an uns vorderen Reitern vorbeizutraben. Selbst unsere Drohungen, die vorwitzigen Pferde beim nächsten Stopp zu satteln, scheinen diese wenig zu interessieren. Zudem lockt sie der Fluss ans Ufer. So sind wir nun gut beschäftigt mit Pferdehüten, bis sie allmählich ruhiger werden, wohl auch durch die ungewöhnliche Wärme. An einem idyllischen See machen wir erneut Rast und lassen die Pferde grasen. Solche Stellen sind sehr praktisch, denn nur am Seeufer wächst saftiges Gras, so dass die Pferde brav um diesen versammelt grasen. Anschließend führt unser Weg vom Wasser weg und hinein in eine trockene Steinwüste. Die „Hitze“ (ich schätze die Temperatur auf 24 Grad) und die losen Steine machen Pferden und Reitern etwas zu schaffen, schließlich sind wir inzwischen bereits 7 Stunden unterwegs. Die Pferde laufen nun wieder in Reih und Glied hintereinander her. Ich überlasse die Wahl der Gangart in dem schwierigen Gelände meinem Pferd, ich selbst begebe mich nun doch mal in den leichten Sitz, nach einem langen Ritt ganz erholsam. Schließlich erreichen wir den Fluss Svartà mit seinem grünen Ufer. Wir durchqueren das Wasser und galoppieren mit der ganzen Herde auf der anderen Seite bis zu unserer Hütte hinauf – ein Riesenspaß für alle Beteiligten. Die großzügige Berghütte inmitten der Wüste verfügt über eine lang ersehnte mit Gas betriebene Dusche. Meine Mitreiterinnen sind mir anscheinend in Sachen Outdoor etwas voraus und begnügen sich mit einem erfrischenden Bad im Fluss. Nach einem leckeren Abendessen, das unsere Köchin wie jeden Abend für uns gezaubert hat, sieht es das Programm vor, uns die isländische Sprache, sowie sämtliche Sprachen der Teilnehmerinnen beim Singen näher zu bringen. Da meine Erfahrungen in diesem Bereich nicht über einige schaurige Karaokeabende hinaus gehen, bin ich nun dankbar für das Viking Bier aus der Dose. Auch meine Isländischkenntnisse sind trotz einem Kurs vor einigen Jahren an der Universität sehr kläglich. Die Engländerin weiß, dass es einige Reittouren dauert, bis man in der Lage ist, das Sprengisandur Reiterlied halbwegs mitsingen zu können. Es besteht also noch Hoffnung...

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Am Morgen reiten wir zu unserer Freude über schöne weiche Töltwege entlang dem grünen Ufer des Svartà. Die Pferde sind wieder frisch und munter – etwas zu munter allerdings, wie wir bald feststellen müssen: Als wir nach einer Fresspause am Ufer weiter reiten möchten, macht eines der Pferde einen Satz und befördert seine Reiterin sachte in das weiche Moos. Offenbar hatte sie die Zügel noch nicht recht aufgenommen, als sich die vorderen Pferde in Bewegung setzten, und dann das Gleichgewicht verloren. Passiert ist ihr nichts, schließlich fällt man nicht besonders tief von einem Isländer, doch ihr Pferd galoppiert samt Sattel und Trense zu seiner Herde. Diesen kurzen Moment der Unruhe nutzen die freilaufenden Pferde um davon zu galoppieren. Unsere Guides reagieren innert Sekunden und setzen ihnen nach. Blitzschnell sind alle hinter den Hügeln verschwunden und unsere Reitergruppe steht plötzlich alleine mitten im Gelände. Unsere Pferde sind natürlich etwas nervös, lassen sich aber alle bei der Gruppe halten. Nach einer Weile der Ratlosigkeit beschließen wir der Herde im ruhigen Schritt zu folgen, was auch gelingt. Eine Gute Idee, denn einige Hundert Meter weiter treffen wir einen unserer Guides – inzwischen auch zu Fuß. Er benötigt dringend ein neues Pferd, nachdem ihn sein junges Pferd „sitzen lassen hat“. Eilig besteigt er eines unserer Pferde und ist blitzschnell wieder verschwunden. Langsam überlegen wir was zu tun ist, falls unsere Pferde mitsamt den Guides verschwunden bleiben, als wir nach etwa 10 Minuten unsere Herde am Flussufer entdecken. Rasch eilen wir unseren Guides zur Hilfe, um die Pferde in Schach zu halten. Nun gelingt es unserem Guide auch die gesattelten, unversehrten Pferde einzufangen und wir können weiterziehen.

Im flotten Tölt überqueren wir den Hvità mittels einer breiten Holzbrücke. Noch vor wenigen Jahren mussten die Reiter mit der ganzen Herde noch auf abenteuerliche Weise durch den tiefen Strom reiten. Wir sind dankbar, dass uns dieses Abenteuer erspart bleibt und genießen nun unser Picknick am Ufer. Weiter führt der Ritt über weiche schmale Wege am Fluss. Es ist ein großes Vergnügen auf den trittsicheren Pferden die Hügel am Ufer hinauf und hinunter zu tölten, wobei es durch mehrere Seitenbäche hindurchgeht. Wir reiten nun so flott, dass ich es gerade noch schaffe von dem kleinen Wasserfall der durch das raue Lavagestein plätschert, ein Foto aufzunehmen, wenigstens kann ich ihn so zu Hause noch genauer anschauen. Auf der anderen Seite des Flusses ist die Landschaft geprägt durch riesige Spalten, die den grauen Granit durchbrechen. Ein breiter Wasserfall leuchtet in der Ferne. Unser Weg geht nun weiter über eine morastige Wiese, die die Pferde vorsichtig überqueren. Plötzlich öffnet sich die Landschaft auch auf dieser Seite des Flusses zu einer kargen mondähnlichen Steinwüste. Es ist Schritt angesagt und die freilaufenden Pferde, die den ganzen Nachmittag verschiedene Überholmanöver erprobten, reihen sich nun bereitwillig ein. Unsere Unterkunft liegt am Fuße des Blaufell, ein großer blauer Buckel, in dem noch heute der verborgene Schatz eines eigenwilligen Riesen begraben liegen soll.

Am nächsten Tag geht es am nun wieder grünen Flussufer weiter, bis wir abermals auf eine karge steinige Hochebene, gesäumt von zackigen Bergspitzen, gelangen. Die Landschaft wechselt auf Island rasant schnell. Hier oben ist die karge Wüste übersäht von zarten roten Pflänzchen. Erst als wir absteigen, sehe ich, dass es sich um extrem kleinwüchsigen Sauerampfer handelt. Kurz darauf leuchten die ersten Büschel Lupinen auf, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass wir das Hochland nun verlassen. Nach einem rasanten Tölt über steinige Pfade erreichen wir den Gullfoss. Plötzlich wimmelt es von anderen Touristen. Einige kommen herbei und machen ohne zu fragen Fotos und tätscheln die Pferde. Das ganze Geschehen ist ziemlich gewöhnungsbedürftig nach den Tagen in der Einsamkeit, als bereits ein Radfahrer oder Wanderer eine exotische Erscheinung bot. Es schien uns, als sei das Pferd nach wie vor das einzig denkbare Fortbewegungsmittel der Insel, den Radfahrer bedachten wir mit einem mitleidigen Lächeln. Wie auch immer, wo so viele Touristen zusammenkommen, da gibt es auch etwas zu sehen – und der gewaltige tosende Wasserfall ist den Abstecher in die Zivilisation wirklich wert.

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Nach einem kurzen Nachmittags- ritt erreichen wir unsere Unterkunft, die erst im Jahr zuvor erbaut wurde und einigen Komfort bietet. Mit dem großen Aufenthaltsraum, den 4-Bettzimmern, Ledersofas, Fernseher und großen Duschen fühlen wir uns wie im 5-Sterne-Hotel. Am Abend erwartet uns ein Ausflug zum Geysir, der allerdings schon jahrelang nicht mehr in die Höhe geschossen ist. Dafür ist der etwas kleinere Strokkur sehr aktiv: alle 15 Minuten schießt die gewaltige Fontäne aus dem geheimnisvollen Innern empor.

Während wir die ganze Woche über mit sonnigem beständigem Wetter verwöhnt wurden, erwartet uns am letzten Tag Dauerregen. Nun kommen unsere ständig mitgeführten orangefarbenen Regenkleider zum Einsatz. Etwas unbeweglich besteigen wir unsere Pferde, die wir uns für den letzten Ritt aussuchen durften. Wir reiten entlang eines schönen blauen Sees, der bei Sonne gewiss einen wunderschönen Anblick bietet. Ich nehme den Regen gelassen und konzentriere mich ganz aufs reiten, schließlich sitze ich auf meinem temperamentvollen und sensiblen Lieblingspferd Sokki. Das Reitgelände ist zudem ausgezeichnet: die schmalen Wiesenwege sind trotz dem Regen nicht matschig, sondern schön locker. Wenn man einmal im Sattel sitzt, macht es ohnehin nichts mehr aus, dass es kühl und nass ist. Viel zu früh ist unser Ritt zu Ende und wir Gäste werden abgeholt. Allzu gerne hätten wir zusammen mit unseren Guides noch die Herde zu den zwei Reitstunden entfernten Weiden gebracht. Andererseits bin ich froh, meine steifen Regensachen loszuwerden. Als wir am Hof ankommen, erwarten uns Kaffee und Kuchen und der Hofbesitzer, der immer alles im Auge hat, besonders seine große Pferdeherde. Er begrüßt uns und möchte gerne hören, dass es uns gefallen hat. Und wie! Aber was uns wirklich gestört hat, war dass der Ritt auf 6 Reittage beschränkt ist – einfach viiiiel zu kurz. Und wir sind uns einig: Der Kjölurtrail war nicht unsere letzte Island Reittour.

Am nächsten Tag, nach einer anstrengenden nächtlichen Rückreise ist zu Hause viel los – Beach Party ist angesagt, 2 Tage lang und am Wochenende hat sich Besuch angekündigt. Nach Feiern ist mir erst nicht zu Mute, lieber würde ich den nächsten Flieger zurück nach Island nehmen. Am Abend, als ich mich für die Party fertig mache, wird es plötzlich ganz finster, es scheint ein schlimmes Gewitter herauf zu ziehen. Ich warte auf heftigen Regen und Donnergrollen – bis mir ein Licht aufgeht: Es ist halb 10 und in Deutschland wird es im Juni um diese Zeit immer dunkel!

© Jessica Kiefer, 30.07.2010
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